Ausgabe Weerthkritik vom

Militärische Beredsamkeit

GEORG WEERTH

Die preußische Armee zählt in ihren Reihen und ebenfalls „a. D., mit der Armeeuniform und den vorgeschriebenen Abzeichen für Verabschiedete“, eine unendliche Zahl von Don Quijoten aller Grade, vom Unteroffizier bis zum kommandierenden General, Originale, die man in keiner anderen Armee der Welt findet, die aber alle ein und dasselbe am Rhein sogenannte „preußische“ Gesicht und dieselben „preußischen“ Manieren haben. Es ist die bekannte „magere Ritterschaft“, die sich vor wie nach durch Grobheit, Arroganz, Unwissenheit und verdorbenen Berliner Akzent so vorteilhaft von den übrigen Deutschen unterscheidet. Es sind die bekannten

- blassen Kanaillen, die ausgesehn
Wie Liebe, Glauben und Hoffen
Und die seitdem in unserm Wein
Sich rote Nasen gesoffen.

Es sind die Urtypen des altpreußischen Soldaten, die seit fast einem Jahrhundert sich fast gar nicht verändert haben und von denen geschrieben steht:

„Sah wieder preußisches Militär
Hat sich nicht sehr verändert.

Es sind die grauen Mäntel noch
Mit hohen roten Kragen –

(Das Rot bedeutet Franzosenblut,
Sang Körner in früheren Tagen.)

Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.

Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Mit dem man sie einst geprügelt.

Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
Sie tragen sie jetzt im Innern;
Das trauliche Du wird immer noch
An das alte Er erinnern.

Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
Des Zopftums neuere Phase;
Der Zopf, der früher hinten hing,
Der hängt jetzt unter der Nase.“

Diese Don Quijoten befinden sich seit der Märzrevolution in einer beklagenswerten Lage. Sie sind ebenso erstaunt darüber, die schwarz-rot-goldene Kokarde am Helm tragen zu müssen, als die schwarz-rot-goldene Kokarde erstaunt ist, die Revolution von 1848 zu repräsentieren. Sie sind, wie ein benachbarter Publizist, der Verzweiflung preisgegeben, weil ihnen der Rechtsboden unter den Füßen abhanden gekommen ist. Ihre erste Lebensbedingung, mit Gott für König und Vaterland sackgrob und unverschämt zu sein, ist gefährdet, und nächstens sollen sie sogar den Eid auf die Verfassung leisten!

Es ist erklärlich, daß diese Helden den glühendsten Haß gegen die revolutionäre Ordnung der Dinge hegen. Ihre Wut kennt keine Grenzen, als die ihnen die Rücksicht auf ihre Sicherheit, auf ihre Gage oder Pension bietet. Wo sie zufällig noch die Macht haben, wie in Mainz, da provozieren sie irgendeinen Vorwand, um den Belagerungszustand zu erklären, um die Bürger zu entwaffnen und um sich in ihrer ganzen Brutalität zu ergehen; wo sie ohnmächtig sind, da knirschen sie vor Wut gegen die Revolution und werden komisch in ihrem impotenten Zorn.

Ein solcher impotenter Don Quijote ist – mit Vorbehalt des ersten Rangs für Herr von Thadden und seinen Galgen – der Herr General von Webern Hochwohlgeboren in Berlin. Derselbe hatte neulich eine Versammlung von Landwehrunteroffizieren, Feldwebeln usw., welche zu konterrevolutionären Konspiratiönchen benutzt werden sollte. Der Herr General hielt daselbst folgende Rede:

„Kameraden! Wem verdanken wir die Revolution? Wem anders als den französischen und polnischen Aufwieglern und den Literaten, die das Volk aufgehetzt und unserm allergnädigsten König Gewalt angetan haben! Das, Kameraden, sind die Leute, die all das Unheil anstiften, aber ich will euch sagen, was das für Leute sind! Es sind...es sind...na, ich sage euch, es sind Sch...kerle!“ (Donnernder Beifall)

Die „Zeitungs-Halle“ hatte diese Rede wörtlich publiziert. Man erhob Zweifel gegen die Richtigkeit des angeführten Textes. Aber Herr General von Webern, mit Recht stolz auf sein Meisterstück altpreußischer Beredsamkeit, beseitigte bald jede Ungewißheit durch folgenden Brief an die Redaktion der „Zeitungs-Halle“, der in der Nummer vom 6. Juni abgedruckt steht:

„Der Unterzeichnete ist der Gegenstand eines geharnischten Angriffs in der ‚Zeitungs-Halle’ geworden... Aber Wahrheit ist ein gutes Ding, selbst dann, wenn ihre scharfe Säbelspitze in der Hitze des Gefechts auch etwas in den Schmutz gehauen haben sollte, und so nehme ich keinen Anstand zu erklären, daß ich die Wühler und insbesondere das fremde ausländische Element unter ihnen, welches das gute, gesunde deutsche Blutder treuen Berliner Landwehr habe verderben und anstecken wollen, wirklich als ....kerls bezeichnet und vor ihnen gewarnt habe...
Berlin, den 4. Juni 1848
General von Webern.“

Das preußische Vaterland kann ruhig schlafen, solange es noch Helden besitzt, die zu jeder Zeit bereit sind, mit „ihrer scharfen Säbelspitze in den Schmutz zu hauen“!