Ausgabe Weerthkritik vom

Die deutschen Verbannten in Brüssel

GEORG WEERTH

Und in den Kaffeehäusern von Brüssel,
 Da saßen sie und weinten
 Und hingen die Paletots an die Wände
 Und tranken Mokka mit Zucker und Kognak
 Und seufzten und jammerten sehr - wenn
 Dein sie gedachten, germanische Heimat!
 
 Verbannte waren's. Der Zorn des
 Sechsunddreißigeinigen deutschen
 Bundestag-Gottes verstieß sie -
 Stieß sie hinaus, die Geächteten,
 Lieblos hinaus in des Auslands
 Weiche, sammetgepolsterte Sessel.
 
 Sinnend schaut ich sie oft; und entsetzt dann
 Hört ich, wie laut sie zu klagen
 Erhoben: "O weh uns! Nimmer
 Essen wir jetzt mehr deinen
 Pumpernickel, Westfalen! und
 Posen, deine Kapusta!
 
 Nicht mehr rauschen die Fichten uns deiner
 Seligen Steppen, o Uckermark! Nicht mehr
 Fühlen den Biß wir deiner
 Kasernen-Wanzen, o Preußen! Und nicht mehr
 Sinken entzückt wir an deine
 Gänsebrüste, ambrosisches Pommern!
 
 Nicht mehr tönet der Männer der
 Bernsteinküst liberales Gejammer
 Erfreulich ins Ohr uns! - Nicht mehr
 Werden wir Dome erbaun und
 Betrinken mit euch uns, ihr
 Heiligen Kölner!
 
 Ferne die Heimat! Ferne ja alles, was
 Reiz noch dem Leben verlieh und das Dasein
 Köstlich machte - und traurig
 Sitzen wir, ach, wir großen, blonden
 Teutonen nun unter den kleinen
 Bräunlichen Belgiern!
 
 Müssen Burgunder trinken und
 Leid'gen Champagner und Austern
 Essen, Ostender, Fasanen und tête de
 Veau en tortue und was sonst noch
 Bietet die Fremde an kaum wohl
 Genießbaren Sachen!
 
 Müssen statt lieblich deutscher
 Vergißmeinnicht-Kinder des Auslands
 Schwarzumlockte brennende
 Rosen jetzt küssen und
 Tanzen Cancan am Sabbat, wo sonst wir
 Brünstig gebetet in Odins ragenden Tempeln.
 
 Müssen allein jetzt wandern den dorn'gen
 Lebensweg, nicht länger bewacht von
 Väterlichen Gendarmen, die gern uns
 Stets daheim geschützt vor der Pest
 Moderner Ideen und
 Hochverrätrischer Tollheit!
 
 Ach! Verlassen sind wir; und ihr nur
 Nehmet noch Anteil an uns, ihr teuren
 Vaterländ'schen Spione und du, o
 Repräsentant der preuß'schen Nation, du
 Hehrer, gewaltiger Graf, du
 Henckel von Donnersmarck!!" -
 
 Also sangen sie wohl in Brüssel, die
 Deutschen Verbannten; - ich hört sie
 Klagen im Café des Arts und
 Im Café Suisse und im Café der Tausend
 Säulen - und Wehmut
 Drang durch die liebende Brust mir.
 
 
 Aus: Georg Weerth, Sämtliche Werke in fünf Bänden, Herausgegeben von Bruno Kaiser, Erster Band, Gedichte, Aufbau-Verlag, Berlin 1956, S. 245-247.
 
 Ausgewählt von der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln.