Ausgabe Weerthkritik vom

Der Wein

Teil 2

GEORG WEERTH

              VII
 
 Das Werthchen, das grüne Eiland,
 Das liegt im Rhein, bei der Stadt,
 Das kennt wohl jeder, der weiland
 Zu Köln geliebet hat.
 
 Dort saßen wir oft und lallten
 Viel fromme Abendgesäng;
 Die Domesglocken schallten
 Herüber mit ernstem Gekläng.
 
 Die vollen Römer blickten
 Smaragdenen Augs uns an;
 Die kölnischen Banner nickten
 Von Türmen und Altan.
 
 Die kölnischen Banner winken
 Mit rot und weißem Schein,
 Und die Leute in Köln, die trinken
 Viel roten und weißen Wein.
 
              VIII
 
 In lauen Sommernächten,
 Wo alles wundersam,
 Da war es, daß wir zechten
 Bis daß der Morgen kam.
 Ein Wetterleuchten zuckte
 Bisweilen übern Rhein;
 Das stille Mondlicht blickte
 In unsre Becher hinein.
 
 Es sang mit süßem Schalle
 Im tiefen Stromestal
 Die schöne Nachtigalle
 Von ihrer Liebesqual.
 Und um die Berge flogen
 Die Nebel wunderbar:
 Als käme angezogen
 Eine luftige Geisterschar.
 
 Die Lindenzweige rauschten
 Um unsern Tisch herum:
 Wir horchten und wir lauschten
 Und wurden still und stumm.
 Wohl halb im Traume blickten
 Wir in den grünen Rhein;
 Und bückten uns und nickten
 Und schlummerten endlich ein.
 
                    IX
 
 Der Wein ist mein Vergnügen!
 Ich wollt, das ganze Meer
 Wär Wein und ich ein Walfisch,
 Der schwömme drüber her.
 
 Die Berge, Felsen, Inseln,
 Die säuselten sich voll
 Des kühlen Tranks und würden
 All miteinander toll,
 
 Und fingen an zu tanzen
 In ihrer großen Kraft:
 Der Nordpol und der Südpol,
 Die tränken Bruderschaft.
 
 In langen Zügen schlürfte
 Die Sonne aus der Flut,
 Verlöre die Balance
 Und jagte fort in Wut,
 
 Ergriffe bei den Schultern
 Den alten Uranus,
 Zu einem Riesenwalzer
 Erhöben sie den Fuß.
 
 Kometen, Monde, Sterne,
 Die flögen hinterdrein -
 Das würd am andern Tage
 Ein Katzenjammer sein!
 
                    X
 
 Sei still, du sollst nicht traurig sein!
 Ich laß die Saiten klingen,
 Ich will von Brandeliedelein
 Und Parzival dir singen.
 
 Ich will dir bis um Mitternacht
 In bunt phantast'schen Bildern
 Entfernter Länder Lust und Pracht
 Und grüne Meere schildern.
 
 Ich führe dich durchs Hügelland
 Hinaus zum blauen Strome,
 Wo Burgen ragen übern Strand
 Und steingehaune Dome.
 
 Zur Alpe, wo der Adler kreist,
 Dem Tannenforst entstiegen,
 Zur Stadt, die man Venedig heißt,
 Wo prächt'ge Gondeln liegen.
 
 Ich zeige dir im Mondenstrahl
 Die Inseln der Hellenen;
 Ich will dich mit ins Blumental
 Zu frommen Völkern nehmen.
 
 Du sollst dich wiegen auf der Flut
 Mit einem schönen Schwane,
 Du sollst dich sonnen in der Glut
 Erzitternder Vulkane.
 
 Ich will im düstern Lorbeerwald
 Das Grab der Dichter sprengen,
 Daß die Provence widerhallt
 Von tönenden Gesängen.
 
 Du sollst die ew'ge Roma sehn,
 Mit Tempeln wild zerrissen;
 Du sollst hoch in den Pyrenän
 Ein spanisch Mädchen küssen!
 
 Und willst du dennoch traurig sein?
 Wohlan, du deutsch Gemüte,
 So nimm doch diesen Becher Wein
 Und diese Rosenblüte!
 
 
 Fortsetzung folgt...