Ausgabe Weerthkritik vom

Der Wein

Teil 1*

GEORG WEERTH

Und dem Weisen ist zu gonnen,
 Wenn am Abend sinkt die Sonnen,
 Daß er in sich geht und denkt,
 Wo man einen Guten schenkt.
 Volkslied
 
                      I
 
 Der Gott, der uns die Rebe gab,
 Der hat uns auch geheißen:
 Zu trinken bis ans kühle Grab
 Den Roten wie den Weißen.
 
                    II
 
 Es liegt die Welt voll Sonnenschein,
 Die grünen Wälder winken.
 Wir wolln in einem guten Wein
 All unser Leid vertrinken.
 
 Der Wein erfrischt das alte Mark,
 Trink nun den Wunderkühlen!
 Du wirst dich wie ein Simson stark
 In deinen Knochen fühlen.
 
                III
 
 Du blondgelockter Kleiner,
 Geh, sage deinem Herrn:
 Ein Fläschlein Nierensteiner,
 Den tränk ich gar zu gern.
 
 Du bist ein schönes Kind,
 Du blondgelockter Kleiner -
 Geh, hole mir geschwind
 Ein Fläschlein Nierensteiner!
 
                III
 

 Die Sonnenrosse lenken
 Schon in das Meer hinein -
 Wie wär es, wenn wir tränken
 Einen guten, kühlen Wein?
 
 Den weißlichen vom Ätna,
 Den dunklen von Bordeaux;
 Sprecht! Oder seid ihr etwa
 Bei rheinischem Weine froh?
 
                  V
 
 Ich bin noch gar so jung
 Und liebe schon den Trunk.
 O heiliger Sankt Peter,
 Was wird aus mir erst später,
 Was wird aus mir erst werden, ach,
 Wohl über Jahr und Tag!
 
                  VI
 
 Spräch einer jetzt: "Mein Sohn,
 Wir geben dir zum Lohn
 Venedig und Milano -
 Treibst du den Trunk piano!"
 Ich spräche: "Gottes Wunder, nein,
 Bringt mir 'ne Kanne Wein!"