Ausgabe Weerthkritik vom

Brief an Ferdinand Lassalle

GEORG WEERTH

Hamburg, 3. Mai 1851

Lieber Lassalle!

Da ich gar nicht wusste, ob und wo Dich mein Brief treffen würde, so hatte ich meine neulichen Zeilen absichtlich so kurz gefaßt. Jetzt weiß ich, daß Du wieder in Deiner alten Umgebung bist, und ich beeile mich, Dir meine herzlichen Grüße hinüberzusenden, indem ich Dich bitte, mich der Gräfin sehr empfehlen zu wollen.

Du mußt von jetzt an recht für Deine Gesundheit sorgen: viel schlafen, regelmäßig spazierengehen, gut essen und trinken und wenig denken. Dies allein führt zur Glückseligkeit.

Ja, es wäre das beste, wenn Du die Gräfin veranlassen könntest, alle Prozesse an den Nagel zu hängen. Du würdest sie dann nach Italien begleiten. Dort setztet Ihr Euch an das blaue Mittelmeer und studiertet den Dante oder meine interessanten Briefe – die Myrten und Orangen würden Euch lieblich umduften, die See rauschte, und alle Not wäre vergessen. Statt dessen zankt Ihr Euch fortwährend mit verderblichen Advokaten, mit Kerls, die Gott in seinem Zorne erschaffen hat, aus Käserinden und Sternschnuppenschnäuzen. Ihr verbittert Euch das Leben, verliert Euer Geld und Eure Prozesse, und in dieser ewigen Angst, ja in dieser ewigen Hatzfeldtschen Hetzjagt streichen die schönsten Jahre vorüber, und das Alter kommt, wo das Blut nicht mehr perlt und wo wir alle Schafsköpfe werden.

Drum tue, was ich Dir rate. Weisheit spricht aus meinem Munde. Ich bin ein alter Mann, vielleicht der einzige alte Mann, der noch kein Schafskopf ist; ich muß wissen, was der Jugend frommt – und mittlerweile sorgt die Weltgeschichte für das übrige, und es wird sich später finden, ob sie Dich noch einmal nötig hat.

Die Reise, die ich jüngst geträumt habe – denn Träumen ist das rechte Wort für solches Reisen -, ging, wie Du weißt, von London über Amsterdam durch das kölnische Arresthaus nach Hamburg und Schottland, und ich muß Dir wirklich in allem Ernst raten, Edinburgh nächstens mit Deinem Besuch zu erfreuen, denn dies ist bei weitem die schönste Stadt, die ich noch gesehen habe. Auch die Hochlande sind nicht übel, aber doch nur zu der sonnigsten Jahreszeit und bei anhaltendem Trinken starker geistiger Getränke.

Über Newcastle und Manchester nach London hinunterpurzelnd, ging ich dann via Southampton nach Oporto und Lisbon und verlebte in Cintra einige Herbsttage, die von meinem kölnischen Arresthaus-Frühling sehr verschieden waren. Im Oktober und November wurde Cadiz meine Residenz, die weiße Stadt im blauen Atlantik, die Stadt der funkelnden Augen und der zierlichen Füße. Dann ein Ausflug nach der Nordküste von Afrika und Gibraltar, von wo wir in großer Kavalkade zur Fuchsjagd nach dem spanischen Festlande zurückritten. Hierauf Malaga und Granada, das Land der Kontraste, oben der ewige Schnee der Sierra Nevada, und unten im Tale ewige Rosen. Ja, ein Land der Kontraste, namentlich für mich, denn wenn ich den Tag über mit Sir John Packington an den Fontänen der Alhambra gelegen hatten, so machte ich abends Geschäfte in Öl und Trauben von Spanien nach Amerika und in Industrieproduktion von Schottland und Deutschland nach Spanien. Lache nicht! Du verstehst so etwas nicht. Der Handel ist für mich das weiteste Leben, die höchste Poesie.

Heitere Tage verstrichen in Sevilla, und mit schwerem Herzen riß ich mich los von dem schönen Andalusien, von dem Lande, das ich ewig lieben werde. Über Cordova durch die Sierra Morena und durch die Mancha, wo ich vergebens nach meinem großen Ahnen, dem unvergleichlichen Don Quijote, forschte, setzte ich meine Reise nach Toledo, Aranjuez und Madrid fort; säuselte auch seitwärts nach dem Eskorial und eilte dann durch Aragonien nach Barcelona, um hier plötzlich von meiner alten Krankheit, dem Spleen, in höchst bedenklicher Weise überrascht zu werden.

Ich hatte nämlich seit sechs Monaten kein schlechtes Wetter gesehen und konnte es wirklich nicht länger unter dem ewig schönen Himmel aushalten. Ich warf mich also auf das erste Schiff, fuhr nach Marseille, quer durch die Provence über Paris und Bingen auf Köln und stürzte endlich erfrischt hier in die Hamburger Fleeten.

Doch wozu diese Weitläufigkeiten?

Ich wollte Dir heute nur über das Dokument schreiben, was ich gestern an Dich abgehen ließ. Ein besseres ist nicht aufzutreiben, ein Visa unmöglich. Es muß also Deinem Scharfsinn überlassen bleiben, was weiter geschehen kann. Jedenfalls bitte ich Dich aber, nur dann von dem Dinge Gebrauch zu machen, wenn es wirklich für Lupus ist, und den Paß zurückschicken, wenn er nicht passt; denn ich möchte unter keiner Bedingung dem Eigentümer, der oft und gerade in den betreffenden Ländern reist, Unannehmlichkeiten bereiten.

In England sind neue Pässe jederzeit zu haben, und es wundert mich, daß man Lupus von da aus nicht längst einen gedandt hat.

Anfang Juli werde ich Dich für einige Stunden in Düsseldorf besuchen, da ich auf die Industrieausstellung in London zu gehen beabsichtige.

Einstweilen empfehle ich Dich den ewigen Göttern und bleibe

Dein G. Weerth.


Aus: Georg Weerth, Sämtliche Werke in fünf Bänden, erausgegeben von Bruno Kaiser, Fünfter Band, Briefe, Aufbau-Verlag, Berlin 1956, S. 405-408.

Ausgewählt von der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln.